Zwischen Wohlergehen und Zukunftsängsten – so könnte die Überschrift über meinen Sommerurlaub lauten.
Zwei Wochen am Atlantik mit meiner wunderbaren Familie: Sand, Salzwasser, Wellen, Kinderlachen, Moules-frites und viele Spieleabende. Eine Wohltat. Welch ein Glück, solches Wohlergehen erleben zu dürfen.
Mein Vorsatz, in diesen zwei Wochen keine dienstlichen Mails zu lesen und zu schreiben, gelingt mir fast. So kenne ich mich: Ganz ohne einen gelegentlichen Blick ins Postfach geht es dann doch nicht. Aber auch das ist nicht beschwerlich. Ich genieße die Auszeit.
Mitten in unserem Urlaub wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Ein Sonntag im Urlaub wird auf einmal „schwer“. Ich kann es nicht lassen, die ersten Hochrechnungen zu verfolgen. Die AfD wird stärkste Kraft. Gleichzeitig ist ihr Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.
Ich muss mich sammeln.
Eigentlich könnte es mir egal sein – eine Landtagswahl in einem anderen Bundesland. Aber es geht um mehr als um Mehrheiten und Regierungsbildungen. Es geht um Menschenwürde. Und ich merke: Ich sorge mich.
Ich sorge mich als Mutter meiner drei Söhne. Jeder von ihnen ist einzigartig, jeder soll in seinem Leben die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben. Wird diese Grundlage brüchig?
Ich sorge mich auch als Regionalleiterin der Caritas Ulm-Biberach. Dabei geht es mir nicht darum, parteipolitisch Stellung zu beziehen. Das Wissen alle, die mich und unsere Arbeit kennen. Aber meine Kolleginnen und Kollegen und ich beziehen sehr wohl Position, wenn Menschen abgewertet, ausgegrenzt oder gegeneinander ausgespielt werden.
Die Würde jedes Menschen ist für uns Ausgangspunkt unseres täglichen Tuns. Wir sind im Gespräch, wir hören zu und wir unterstützen Menschen in Krisen. Dabei schöpfen wir Mut und Zuversicht aus einer Gesellschaft, die von ihrer Vielfalt lebt. Für mich gehört diese Vielfalt unmittelbar zur Demokratie.
Und wir sind nicht allein. Vertreter*inne von Kirche, Künstlerinnen und Künstler, Politikerinnen und Politiker und viele Menschen aus der Zivilgesellschaft haben in den vergangenen Wochen ihre Stimmen erhoben. Das ist nicht vergebens.
So stark die AfD an diesem Urlaubssonntag erscheinen mag: Politischer Erfolg ist nicht unumkehrbar. Christlich gesprochen gehört die Möglichkeit der Umkehr zum Menschen. Niemand, der heute sein Kreuz bei der AfD gemacht hat, muss es bei der nächsten Wahl wieder tun.
Deshalb gilt es, Haltung zu bewahren, demokratische Überzeugungen zu verteidigen und zugleich gesprächsfähig zu bleiben. Das ist mühsam und verlangt Ausdauer. Aber eine Demokratie lebt genau davon: dass Menschen nicht resignieren, wenn sie eine Abstimmung verlieren, sondern weiter für das eintreten, was sie für richtig und wichtig halten.
Mit dieser Zuversicht – mit dem Vertrauen darauf, dass wir Zukunft gestalten können, statt uns von unseren Sorgen lähmen zu lassen – wird auch die zweite Urlaubswoche wieder zum Genuss.
Wir suchen Steine am Strand. Keinen perfekten Stein, sondern viele verschiedene. Jeder ist anders: rund oder kantig, glatt oder rau, hell oder dunkel. Eine unendliche Vielfalt – wie wunderbar.
Vielleicht liegt darin ein kleines Bild für das, was uns als Gesellschaft ausmacht: Wir müssen nicht alle gleich sein, um zusammenzugehören. Wir müssen nicht dieselbe Meinung haben, um miteinander im Gespräch zu bleiben. Aber wir brauchen einander – und wir brauchen den festen Grund, auf dem wir stehen.
Für mich ist dieser Grund mein Glaube. Er lässt mich die Vielfalt als Geschenk Gottes sehen. Und er gibt mir die Zuversicht, dass Zukunft nicht einfach über uns hereinbricht, sondern dass wir sie mitgestalten können.
Vielleicht nehme ich deshalb aus diesem Urlaub beides mit: die Sorge um unsere Zukunft und die Dankbarkeit für das, was schon heute gut ist.
Beides darf sein.
Und beides kann uns bewegen: die Sorge, nicht gleichgültig zu werden – und die Zuversicht, nicht mutlos zu werden.
Sara Sigg
Regionalleiterin der Caritas Ulm-Biberach