Ich war als Jugendlicher ein sehr schüchterner Mensch. Und ich staune immer, was mir auf meinem Glaubensweg an Mut und Vertrauen zugewachsen ist. Das „Trau dich“ ist für mich eine tiefe, spirituelle Haltung, die wir gerade in den Umbrüchen der Kirche in unserer Zeit dringend brauchen. Wir sind gewohnt, in festen Strukturen zu arbeiten, zu planen und zu entwickeln. Dies wird aber in einer „Baustellenzeit“, in einer Zeit, der Neuordnung von Strukturen und von konkreten Mangelerfahrungen nicht mehr tragfähig sein. Wir müssen da manchmal sehr flexibel und auch spontan agieren und reagieren. Da hilft die Haltung des „Trau dich“.
Ein Beispiel bei der ökumenischen Telefonseelsorge hier: Mehrere kirchliche Träger evangelisch wie katholisch finanzieren die hauptamtlichen Stellen, (2 Stellen, die für ca. 100 gut ausgebildete Ehrenamtliche da sind – so einen output erlebe ich nicht oft in unseren kirchlichen Kreisen), sollen um 40% aufgestockt werden. Mehrere Träger sagen, wir müssen sparen, wir können Beträge höchstens einfrieren, was ja faktisch auch eine Kürzung ist. Folge, als Vorstand könnte ich die Stelle nicht auf den Weg bringen, denn der Bedarf für die Begleitung und Ausbidlung weiterer Ehrenamtlicher ist riesig. Also habe ich mich getraut, jemandem aus dem nichtkirchlichen Umfeld eine Mail zu schreiben, ob er da die Telefonseelsorge nicht unterstützen kann. Nach nicht mal 45 Minuten hatte ich die Zusage, und konnte die Stelle in der folgenden Beiratsitzung schaffen. Es hat mich viel Überwindung gekostet, diese Mail zu schreiben, zu fragen. Aber es hat sich gelohnt, dass ich mich getraut habe. Ich glaube, wir müssten uns öfter trauen, über unsere Haushaltpläne und Systeme hinauszudenken. Dann bin ich überzeugt wird Kirche vor Ort lebendig bleiben, auch wenn die Rahmenbedingungen sich ändern und Haushalte kleiner werden. Keiner zwingt uns, nur innerhalb des Systems zu bleiben. Wir dürfen uns trauen hinauszugehen.
Kürzlich war Abt Nikodemus Schnabel bei uns zum Heiligkreuzfest in Wiblingen. Er ist auch ganz stark von diesem Trau dich geprägt. Obwohl in der Dormitio und in Tabga der Gästebetrieb fast ganz zum Erliegen gekommen ist, zahlen sie die palästinensischen Angestellten weiter, aus ihren Pensionsrücklagen. Ökonomen würden sagen, wir müssen sie entlassen, um unsere Finanzen zu schützen: Sie trauen sich zu sagen: Wir stehen an der Seite der Menschen und hoffen, dass zur rechten Zeit, wieder großzügige Geber da sein werden.
Oder die Wiblinger Hauptorgel, die wir 2021 eingeweiht haben. Sie ist mit meinem „Trau dich“ auf den Weg gekommen. Ich kam in die Basilika in Wiblingen, einen wunderbaren Kirchenraum, dreht mich um und sah keine Orgel auf der Hauptempore. Ich sagte im KGR, dass da eine Lücke ist, dass da eine Orgel fehlt. So kam das Projekt 2016 auf den Weg, ein Orgelförderverein wurde gegründet und trotz mancher Hindernisse steht da heute diese erste neue Hauptorgel. 1, 4 Mio Euro hat sie gekostet, und es war keine Rücklage da und es war nicht in der mittelfristigen Finanzplanung aufgeführt. Dass dies gelungen ist, dafür bin ich sehr dankbar, und das hat mit dem Trau dich zu tun, dass wir uns trauen, etwas auszusprechen, andere mitzunehmen und zu begeistern.
In meiner persönlichen Spiritualtiät ist das seit langem zugrunde gelegt. Ein Pater im Gymnasium in Bad Wurzach hat mir einmal gesagt, dass ihm das Bendictus bei der Laudes (Morgengebet) so wichtig ist, und er es betet, bevor er eine Mail liest oder anfängt zu arbeiten und ein Satz ihm dabei besonders viel Kraft gibt, für die Arbeit des Tages mit seinen Herausforderungen: „…er hat uns befreit, dass wir aus Feindeshand befreit, ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsere Tage…“ Dieser Satz trägt auch mich jeden Morgen neu, in all der Verantwortung als Pfarrer und Dekan oft verbunden auch mit schwierigen Gesprächen und Sitzungen. Da hat – glaube ich – mein „Trau dich“ seine Quelle und seinen Ursprung.
Ulrich Kloos, Dekan