Ich war auf dem Weg in den sechsten Stock der Chirurgie und wollte einen 49-jährigen Mann besuchen. Gerade im Begriff anzuklopfen, hielt ich einen Moment inne:
Was wusste ich eigentlich über den Patienten? Kennengelernt hatte ich ihn vor sieben Tagen auf der Intensivstation. Reden konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich stand neben seinem Bett. Seine besorgten Eltern waren zu Besuch gekommen und erzählten mir aus seinem Leben. Ich hörte zu, freute mich mit, wenn die beiden davon erzählten, wie schön er die Wohnung renoviert hatte. Ich versuchte das Gehörte mit dem Bild zusammenzubringen, was ich vor mir sah: ihr Sohn lag regungslos im Intensivkrankenbett. Mehrere Monitore, Infusionspumpen, Schläuche und Kabel umgaben ihn. Die Geräte hupten und blinkten. Die Sorgen standen den beiden ins Gesicht geschrieben. Wie wird es weitergehen? Was wird vom Schlaganfall zurückbleiben? Ich nahm Anteil und war da, um diese Situation mitauszuhalten. Vorsichtig versuchte ich bestärkende Worte zu finden, angesichts der Lage würde es Geduld und Zeit brauchen und das wiederum Energie und Kraft, den Sohn auf diesem Weg zu begleiten. Jetzt war erst einmal Ruhe für seinen Körper angesagt. Auch für die Ärzte war es noch völlig unklar und offen, wie es weitergehen würde. Erwarten durfte man nicht zu viel, aber hoffen? Hoffen – das war immer möglich!
Der nächste Besuch beim Patienten kam auf seinen eigenen Wunsch hin zustande. Der Schock über das Geschehene saß tief, doch er wollte davon erzählen. Ganz normal sei er letzte Woche morgens zur Arbeit gegangen. Dann habe er gemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Sein Meister im Betrieb habe noch zu ihm gesagt, er solle sich doch kurz hinsetzen, einen Kaffee trinken, bis er am Tisch zusammenbrach. Erst viel später hier in der Klinik stellte sich heraus, dass er einen Schlaganfall erlitten hatte. Es brauchte nicht viele Worte. Durch diesen Schlag war ein Mensch mitten aus dem Leben gerissen worden. Vor einer Woche war er noch der fleißige Arbeiter mit Ehefrau und Kind, der nebenbei seine Wohnung selbst renovierte, und jetzt war nicht klar, ob er in Zukunft auf Hilfe oder gar Pflege angewiesen sein würde. Tränen liefen ihm übers Gesicht, ihm wurde klar, dass er hier in der Uniklinik seinen zweiten Geburtstag feiern durfte! Er lebt – welch ein Geschenk!
Was wird mich heute hinter dieser Türe erwarten? Mir kam der Vers aus dem 5. Buch Mose in den Sinn:
„Der Herr selbst zieht vor dir her. Er ist mit dir. Er lässt dich nicht fallen und verlässt dich nicht.“
Ich musste schmunzeln. Ein passender Vers für mich und den Patienten. Eigentlich stehe ich nie alleine vor der Zimmertüre. Ich darf mich dort im Glauben fest verankern und mir bewusst machen, dass Christus mit mir geht. Seine Hoffnung wurzelt tief in mir, verbunden mit Gott und daraus darf ich immer wieder schöpfen. Nichts erwarten, klar, aber hoffen. Dieses Gepäck ist leicht. Ich lasse die christliche Hoffnung zu, die mein eigenes Leben und das des Patienten übersteigt. Oft sehen meine Begleitungen an der Uniklinik anders aus und ich stehe Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug bei. Da war die Hoffnung über das Leben hinaus gefragt. Aber bei diesem Patient war es anders. Meine Hand nähert sich ein zweites Mal der Türe, fester, entschlossener, hoffnungsvoller, herzlicher! Der Moment des Inne-haltens und des sich Verankerns im Glauben tat gut! Doch hörte ich da gerade Stimmen? Ich trat einen Schritt zurück und tatsächlich wurde die Türe von innen geöffnet und der Patient trat erhobenen Hauptes, ohne Gehhilfe oder Rollstuhl heraus. „Ah, Frau Neumann!“ sagte er, „welche Überraschung!“
Ganz locker kamen wir ins Gespräch. Ich durfte übers Handy Fotos der renovierten Wohnung begutachten. Ich hörte zu, wie der 50igste Geburtstag dann nach der geplanten Reha nachgefeiert werden sollte. Familie und Freundschaften wurden plötzlich wieder wichtig.
Ich bin dankbar, dass ich diesen Dienst als Klinikseelsorgerin an der Uniklinik Ulm machen kann und darf. Täglich übe ich mich neu in der Haltung des Inne-Haltens vor der Türe.
Sonja Neumann, katholische Klinikseelsorge Ulm, Mai 2026
P.S. Falls Sie vielleicht durch den Artikel Lust und Interesse bekommen haben, im ehrenamtlichen ökumenischen Besuchsdienst mitzuarbeiten, nehmen Sie bitte Kontakt zur Klinikseelsorge der Uniklinik auf. Ich erwarte es nicht, aber ich hoffe!
Email: Sonja.Neumann@uniklini-ulm.de
