Rückblick Patrozinium:

Eine Zukunftsvision für die Katholische Citykirche St. Michael zu den Wengen

Die katholische Kirchengemeinde St. Michael zu den Wengen kam am Sonntag, 27. September 2026, im Rahmen der Feier ihres Patroziniums zu einer Gemeindeversammlung und Informationsveranstaltung zusammen. Vorgestellt wurden die Ergebnisse des langen Such- und Beteiligungsprozesses sowie die Überlegungen des Kirchengemeinderats zur Entwicklung des Wengenareals.

Im Mittelpunkt der Entwicklung steht eine Rückbesinnung auf den historischen Kern der Wengenkirche.

1. Der Rahmen: Kirche im Wandel

Die katholische Kirche in Deutschland steht in einem tiefgreifenden Wandel: Die Mitgliederzahlen gehen zurück, damit sinken die personellen und finanziellen Ressourcen; das Vertrauen in die Institution muss neu erworben werden. Zugleich bleibt die Nachfrage nach Orten der Ruhe, der Orientierung und der konkreten Hilfe hoch – gerade in den Innenstädten.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart begegnet dieser Lage mit dem Reformprozess „Seelsorge in neuen Strukturen“. Er verbindet die Bündelung von Ressourcen mit einer klaren pastoralen Priorisierung: weniger Verwaltung des Bestandes, mehr Konzentration auf das, was Kirche im Kern ausmacht. Dazu gehört auch ein ehrlicher Blick auf die Gebäude. Für St. Michael zu den Wengen kommt ein erheblicher Sanierungsbedarf der Nachkriegs-Bausubstanz hinzu – der große Saal unter dem Erweiterungsbau ist seit Jahren von Feuchtigkeit und Schimmel betroffen.

Die Kirchengemeinde hat daraus keine Rückzugs-, sondern eine Aufbruchsentscheidung abgeleitet: Statt Fläche zu erhalten, die nicht mehr gefüllt und nicht mehr verantwortbar beheizt werden kann, konzentriert sie sich auf den historischen Kirchenraum – und stärkt diesen inhaltlich.

Der Weg dorthin ist lange vorbereitet:

  • Bereits im diözesanen Prozess „KiamO“ (2017–2020) zeichnete sich das Profil der Wengenkirche als Citykirche ab.
  • Am 16. November 2021 wurde der Transformationsprozess eingeleitet.
  • Mit der Ausstellung „Wengenkirche raum.gegenwart.zukunft“ im Frühjahr 2023 wurde das Vorhaben öffentlich gemacht.

2. Geschichtlicher Hintergrund: Gebet und Gastfreundschaft

Nach biblischem Verständnis ist die Kirche zuerst ein Bau aus lebendigen Steinen (vgl. 1 Petr 2,5). Das Gebäude ist kein Selbstzweck; es dient den Grundvollzügen der Kirche: der Feier der Liturgie und dem diakonischen Dienst. Ein Kirchenraum ist dort am stärksten, wo er beiden Vollzügen dient.

Die Geschichte dieses Ortes kennt diese Verbindung von Anfang an: 1183 begann sie als Pilgerspital auf dem Michelsberg. 1215 wurde das Augustinerchorherrenstift aufgrund von Wassermangel auf die Blauinsel westlich von Ulm verlegt – hieraus leitet sich der Name „Wengen“ (Aue/Wiesen) ab. 1399 erfolgte am heutigen Standort die Grundsteinlegung für das neue Stift. Die 1425 eingeweihte Kirche mit abgewinkeltem Chor blieb nach der Reformation das katholische Herz Ulms und wurde 1805 die erste katholische Pfarrkirche der Stadt. Nach der schweren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde 1953/54 ein neues Hauptschiff in Nord-Süd-Ausrichtung angebaut. Die historische „alte“ Wengenkirche fungierte fortan als Chorraum der „neuen“ Wengenkirche, während der ursprüngliche Chor der „alten Wengenkirche“ als „Kapelle“ diente (im Volksmund: „Kleine Wengenkirche“). Diese „kleine Wengenkirche“ ist seitdem durch eine Glasfront von der restlichen Kirche abgetrennt. 1996/97 erfolgte eine grundlegende Renovierung. Im Zuge dieser Renovierung wurde die Ost-West-Achse der historischen Kirche wieder erlebbar gemacht.

Gebet, Gastfreundschaft und die Herberge für Durchreisende gehörten immer zusammen. Genau daran knüpft das Konzept der Citykirche an. Verkleinerung wird nicht zum Verlust, sondern zur Verdichtung: Kirche wird im Weniger nicht kleiner, wenn sie sich den Menschen zuwendet.

3. Was am Standort „St. Michael“ entsteht: Ein Ort für alle

Durch den Verzicht auf den 1953/54 angefügten Nord-Süd-Erweiterungsbau wird die ursprüngliche Gestalt der 1425 eingeweihten einschiffigen Wengenkirche neu erlebbar. Der denkmalgeschützte Raum wird nicht konserviert, sondern neu erschlossen. „Von innen heraus“ soll eine moderne Citykirche im historischen Gebäude entstehen, die als heller und einladender Raum für die Feier von Gottesdiensten im kleinen Kreis und auch für große Anlässe allen zur Verfügung steht:

  • als Ort der Stille für das persönliche Gebet
  • als Ort, an dem historische Elemente neu wahrgenommen werden können (wie etwa der historische Kreuzgang)
  • als Rastplatz für Pilger, Durchreisende und Ruhesuchende im „Getriebe der Stadt“
  • als Ort der Gastfreundschaft, der von einer Agape bis zum Kirchencafé offen für alle ist
  • als Ort, der nicht nur Wärme und Geborgenheit ausstrahlt, sondern auch im Winter verantwortbar beheizt werden kann
  • als Ort der Seelsorge mit modernen Räumen zum persönlichen Gespräch und zur seelsorglichen Begleitung
  • als Ort für unsere muttersprachlichen Gemeinden
  • als Ort der Kirchenmusik mit einer modernen Orgel
  • als barrierefreier Ort für viele citypastorale Angebote, die den Kirchenraum für neue Zielgruppen öffnen.

Über die Gestaltung des Ortes berät die Kirchengemeinde in enger Abstimmung mit der Diözese und der Denkmalpflege – das Ziel ist eine lebendige Citykirche, kein Museum.

4. Was im Umfeld entsteht: Ein Quartier der Gemeinschaft

Das künftig freie Areal soll mit einem Neubau entwickelt werden. Geprüft werden barrierefreies Wohnen für ältere Menschen, ergänzende Betreuungs- und Pflegeangebote, sowie Räume der Begegnung. Die Nahtstelle zwischen Kirche und Neubau ist als barrierefreier Zugang und als multifunktionales Foyer gedacht. So entsteht ein Ensemble, in dem Gottesdienst und Diakonie, Gebet und Nachbarschaft buchstäblich zusammenrücken.
Auch der Außenraum gehört zum Konzept: Der Wengengarten soll als grüner Rückzugsort im Stadtzentrum aufgewertet werden und den Gedenkort für Bischof Sproll als Zeugnis der Zeitgeschichte angemessen einbinden.

5. Beteiligung, Gremien und weiteres Verfahren

Dem Grundsatzbeschluss des Kirchengemeinderats vom Januar 2026 ging ein langer Such- und Beteiligungsprozess voraus, in dem Gemeindemitglieder und alle Interessierten ihre Ideen und Einwände einbringen konnten. Alle innerkirchlichen Gremien haben das Vorhaben grundsätzlich begrüßt. Die weiteren Schritte werden gemeinsam mit der Gesamtkirchengemeinde, der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Denkmalpflege und den Gremien der Stadt Ulm gegangen.

Wir sind dankbar für den großen Zuspruch, den das Projekt in der Gemeindeversammlung und darüber hinaus bereits erfahren hat und danken allen für die mutmachenden Rückmeldungen.

Pfr. Dr. Michael Estler              Dr. Wolfgang Schürle
(Vorsitzender KGR)                   (Gewählter Vorsitzender KGR)

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart macht sich auf den Weg und gestaltet Kirche neu. Im Frühjahr 2025 haben Bischof Dr. Krämer und der Diözesanrat – das oberste Leitungsgremium mit gewählten Vertreter:innen aus der ganzen Diözese – den Entwicklungsprozess „Kirche der Zukunft“ gestartet. Anlass dafür sind zentrale Herausforderungen wie rückläufige Mitgliederzahlen, steigende Kosten, sinkende Finanzmittel und weniger pastorales Personal.

Seelsorge in neuen Strukturen

Aus bisher ca. 1.020 Kirchengemeinden entstehen diözesanweit 50 bis 80 Großgemeinden mit dezentralen Kirchorten, um pastorales Personal und Ehrenamtliche von Verwaltungsaufgaben zu entlasten. Auch die Verwaltung bekommt neue Strukturen.

Räume für eine Kirche der Zukunft

Ziel des Konzeptes ist die Reduzierung der beheizten Flächen von nicht-sakralen und kirchensteuerfinanzierten Gebäuden um 30 %, um die verbleibenden 70 % nachhaltig und finanzierbar zu halten.

Veränderungen in Ulm

Auch im Dekanat Ehingen-Ulm werden die bisherigen Seelsorgeeinheiten neu geordnet. Die Ulmer Stadtgemeinden sowie umliegende Orte erarbeiten Abstimmungen und Voten. Die Kirchengemeinderäte in Ulm befassen sich auch mit der Reduzierung von Gebäudeflächen und der nachhaltigen Nutzung bestehender Räume.